Bernardo Kastrup

Der unwahrscheinliche Idealist

Er hat am CERN gearbeitet, zwei Doktortitel erworben, Technologieunternehmen gegründet – und kam durch präzises Denken, nicht durch Glauben oder ein Schlüsselerlebnis, zu einer der radikalsten Positionen der zeitgenössischen Philosophie: Das Universum ist in seinem Wesen mental. Materie ist in seiner Sicht Erscheinung. Bewusstsein ist der tiefere Grund.

I BIOGRAFIE

Der Wissenschaftler

Bernardo Kastrup wurde 1974 in Brasilien geboren. Er studierte Informatik, promovierte in Computeringenieurwesen – Schwerpunkt Reconfigurable Computing und Künstliche Intelligenz – und begann seine Karriere zwei Tage nach seiner Abschlussverteidigung am CERN in Genf, wo er an Experimenten rund um den Large Hadron Collider arbeitete.

Er war kein Träumer, der in die Philosophie flüchtete. Er war ein Technologe in einer der härtesten wissenschaftlichen Umgebungen der Welt.

CERN, Genf – Arbeit am Large Hadron Collider. Danach: Philips Research Laboratories, ein traditionsreicher Ort europäischer Physik- und Technologieforschung.

Gründer von Silicon Hive, einem Parallelrechner-Unternehmen – 2011 von Intel übernommen. Technologiestratege bei ASML, einem der geopolitisch bedeutendsten Halbleiterunternehmen der Welt.

Promotion in Philosophie – Schwerpunkt Ontologie und Philosophie des Geistes. Ein Schritt, den er nicht aus Karrieregründen unternahm, sondern weil er die Fragen nicht losliess.

Gründung und Leitung der Essentia Foundation – einer Plattform, die Idealismus und Post-Materialismus aus der Perspektive verschiedener Wissenschaften diskutiert. Kastrup ist ihr Executive Director.

Kastrup selbst betont: Er ist kein Anti-Wissenschaftler. Er kritisiert nicht die Empirie, sondern die metaphysische Grundannahme, mit der Wissenschaft oft unbewusst betrieben wird – dass Materie das Fundamentale ist. Genau das, sagt er, ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine philosophische Vorentscheidung.

II · DER AUSLÖSER

Der Wendepunkt

Bei Faggin war es eine Erfahrung in einer Nacht am Lake Tahoe. Bei Kastrup war es ein Paper. Kein mystisches Erlebnis, keine Bekehrung – sondern das Lesen eines philosophischen Aufsatzes, der eine Frage so scharf formulierte, dass Kastrup sie nicht mehr ignorieren konnte.

Der Auslöser

Der Philosoph David Chalmers veröffentlichte 1995 einen Aufsatz, in dem er das sogenannte „Hard Problem of Consciousness“ präzise benannte: Es gibt nichts an den physikalischen Parametern des Gehirns – Masse, Ladung, Impuls, Frequenz –, aus dem sich die Qualitäten subjektiver Erfahrung ableiten lassen. Die Physik kann beschreiben, welche Neuronen feuern. Aber sie sagt noch nicht, warum dabei überhaupt etwas gefühlt wird.

Kastrup beschreibt, wie ihn diese Einsicht traf: Er erkannte, dass das Hard Problem für ihn nicht einfach ein weiteres ungelöstes Detail innerhalb des Materialismus war. Es wies aus seiner Sicht auf einen Fehler im Rahmen selbst hin.

Von diesem Moment an war seine Frage nicht mehr: Wie löst man das Hard Problem innerhalb des materialistischen Weltbilds? Seine Frage wurde: Welcher Rahmen macht verständlich, warum Erfahrung überhaupt der Ausgangspunkt sein könnte?

„Es war, als ich Chalmers‘ Paper las, dass mir klar wurde: Materialismus ist nicht nur begrenzt. Er ist inkohärent. Das Hard Problem ist nicht das Problem – die Prämisse des Materialismus ist das Problem.“

BERNARDO KASTRUP — BESHARA MAGAZINE, 2021

Kastrup liest Chalmers also nicht als Ergänzung des Materialismus, sondern als Symptom seiner Grenze.

III · PHILOSOPHIE

Das Hard Problem – und warum es den Materialismus unter Druck setzt

Das Hard Problem of Consciousness gehört zu den tiefsten offenen Fragen der Bewusstseinsdebatte. Für Kastrup ist es nicht deshalb so bedeutsam, weil die Antwort nur besonders kompliziert wäre, sondern weil die Frage selbst zeigt, dass das herrschende Modell an einen prinzipiellen Punkt stösst.

Was das Hard Problem ist

David Chalmers unterschied zwischen den „leichten“ Problemen des Bewusstseins – etwa Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis – und dem harten Problem: Warum geht mit physikalischen Prozessen überhaupt subjektive Erfahrung einher? Warum gibt es nicht nur Informationsverarbeitung im Dunkeln, ohne dass irgendetwas gefühlt wird?

Die leichten Probleme sind schwierig, aber im Rahmen von Neurowissenschaft und Kognitionsforschung prinzipiell bearbeitbar. Das harte Problem ist anderer Natur: Es fragt, warum es überhaupt ein Innen gibt. Warum sieht Rot für mich so aus, wie es aussieht? Warum ist Erfahrung nicht bloss Funktion, sondern Erleben?

Kastrups Pointe lautet: Der Materialismus kann diese Frage aus seiner Sicht nicht überzeugend beantworten, weil quantitative Beschreibungen prinzipiell keine qualitativen Erfahrungen ableiten. Für ihn ist das keine blosse Forschungslücke, sondern ein Hinweis darauf, dass der Ausgangsrahmen unzureichend ist.

Die übliche materialistische Reaktion besteht für Kastrup oft darin, das Problem zu verkleinern, umzubenennen oder als philosophische Spitzfindigkeit abzutun. Er macht das Gegenteil: Er nimmt es als Ausgangspunkt und fragt, was sich verändert, wenn Bewusstsein nicht länger als spätes Nebenprodukt erklärt werden soll, sondern als das, von dem aus überhaupt erst erklärt wird.

IV · DIE THESE

Analytischer Idealismus

Kastrups Antwort auf das Hard Problem heisst Analytischer Idealismus. Der Begriff ist präzise gewählt: analytisch, weil er mit den Mitteln der analytischen Philosophie – Logik, Begriffsklarheit, Argumentation – arbeitet. Idealistisch, weil er das Bewusstsein als einzige fundamentale Substanz setzt.

Die Grundthese: Das Universum ist in seinem Wesen ein mentales System. Nicht im Sinne von „alles ist meine Einbildung“. Sondern im strengen philosophischen Sinne: Bewusstsein ist das Einzige, das wir direkt kennen. Alles andere – Materie, Raum, Zeit, Zahlen, Gesetze – ist Erscheinung innerhalb des Bewusstseins, nicht sein Ursprung.

Warum Idealismus die sauberere Hypothese ist

Kastrup macht ein methodisches Argument: Wissenschaft und Philosophie bevorzugen die Hypothese mit der grössten Erklärungskraft und der geringsten Zahl unbegründeter Annahmen – das Prinzip der Parsimonie, oft mit Ockhams Rasiermesser beschrieben.

Der Materialismus muss erklären, wie aus quantitativen physikalischen Prozessen qualitative Erfahrung entsteht. Genau daran scheitert er für Kastrup. Er setzt damit implizit etwas voraus, das aus seinen Grundbegriffen nicht hervorgeht.

Der Idealismus setzt Bewusstsein als Ausgangspunkt. Materie erscheint dann als äusseres Erscheinungsbild innerer mentaler Prozesse – ähnlich wie ein Gehirnscan das äussere Korrelat eines Erlebens zeigt, ohne dieses Erleben selbst zu sein. Das Hard Problem verliert in diesem Rahmen seinen ursprünglichen Stachel, weil Erfahrung nicht mehr als später Zusatz zur Materie erklärt werden muss.

„Ein Fernseher erzeugt die Sendung nicht; er filtert das Signal aus dem Äther und macht es in einem begrenzten Raum (dem Bildschirm) sichtbar. Genauso erzeugt das Gehirn kein Bewusstsein, sondern schränkt das universelle Bewusstsein auf eine individuelle Perspektive ein.“

BERNARDO KASTRUP

Kastrup ist sich bewusst, wie radikal diese Position klingt. Er formuliert sie bewusst zugespitzt: Für ihn ist Analytischer Idealismus die einzige heute ernsthaft vertretbare Metaphysik. Das ist eine steile These. Aber genau diese Zuspitzung gehört zu seiner intellektuellen Haltung: Er will nicht nur andeuten, sondern argumentativ durchdeklinieren.

V · DAS MODELL

Das Dissoziationsmodell

Ein naheliegender Einwand gegen jeden Idealismus: Wenn alles Bewusstsein ist – warum erleben wir dann verschiedene Dinge? Warum hat jeder Mensch ein eigenes Innenleben? Warum erscheint uns die Welt als etwas, das wir nicht kontrollieren?

Kastrup antwortet mit einem klinischen Konzept: Dissoziation. Nicht als Pathologie, sondern als strukturelles Prinzip.

Wie Dissoziation erklärt, was der Materialismus nicht kann

Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung entwickeln mehrere voneinander abgetrennte Persönlichkeiten, die nichts voneinander wissen – und dennoch sind sie ein einziger Organismus. Was von aussen als Körper erscheint, ist das äussere Erscheinungsbild dieser inneren Prozesse.

Kastrup überträgt dieses Modell auf das Universum: Das universale Bewusstsein dissoziiert in individuelle Ströme. Jedes individuelle Bewusstsein ist ein solches abgetrenntes Segment des Ganzen. Was wir als Materie wahrnehmen – als Körper anderer Menschen, als Steine, als Planeten – ist das äussere Erscheinungsbild der mentalen Prozesse dieser anderen Segmente.

Damit erklärt Kastrup die Vielfalt der Erfahrungen, ohne auf Materie zurückgreifen zu müssen. Und er löst einen weiteren klassischen Einwand: Die Welt erscheint uns nicht als von uns kontrollierbar, weil sie vom Ganzen des universalen Bewusstseins her erscheint – nicht nur von unserem dissozierten Segment.

Das Modell hat eine weitreichende Konsequenz: Was wir als Körper wahrnehmen, ist in diesem Rahmen nicht unser eigentliches Wesen, sondern unser äusseres Erscheinungsbild. Der Körper wäre dann nicht der Ursprung des Erlebens, sondern seine Darstellung auf der Ebene der Erscheinung.

Kastrup im Gespräch

Ein zugängliches Gespräch, in dem Kastrup seine Kritik am Materialismus in ruhiger, verständlicher Form entfaltet.